Prozessoptimierung und der Faktor Zeit

„Was macht den Unterschied zwischen einem leckeren Kuchen und einem sensationell leckeren Kuchen aus?“, fragte ich mich oft. Es sind nicht nur die Zutaten. Die können in beiden Fällen von erstklassiger Qualität sein und dennoch schmeckt der eine Kuchen besser als der andere. Ist es am Ende doch die vielbeschworene Liebe, die hineingebacken wurde? In dieser halbironischen Frage steckt vielleicht mehr Wahrheit als uns allen lieb ist.

Einer der wesentlichen Faktoren für das Gelingen von Backwaren ist die Zeit. Wer noch mit daheim hergestellten Speien groß geworden ist, weiß darum. Der Unterschied, den wir herausschmecken können, resultiert manchmal allein daraus, ob im Herstellungsprozess die Zutaten ausreichend Zeit hatten, sich miteinander zu verbinden. Der Kuchen muss gehen, der Teig muss ruhen, in Österreich sogar rasten. Er muss verweilen, sich (von uns?) erholen, welch liebenswerte Vorstellung. So kann eine unerwartete Störung (jemand ruft an oder kommt vorbei), die während der Teigherstellung in der heimischen Küche eintritt, dem Kuchen gerade das gewisse Etwas verleihen. Ironie des Schicksals.

Die Nahrungsmittelchemiker erklären natürlich ganz unromantisch, der Kleber müsse sich ausbilden, die Backtriebmittel ihre Wirkung entfalten, … Der Produktionsprozess wird erklärt und optimiert, Zeiten werden minimiert, alles ganz in unserem Sinne. Zeit ist schließlich Geld.

Doch die Mundart sagt: „Gut Ding will Weile haben.“ Eben, Zeit ist Geld, für richtig gute und leckere Kuchen zahlen Menschen auch richtig viel Geld. Schon einmal von dieser Seite gesehen?

Ein Grundprinzip ist meiner Ansicht nach, dass nicht nur alles seine Zeit hat (und das wird auch schon oft missachtet). Nach meiner Erfahrung braucht auch alles seine Zeit. Ob ich einen Samen in die Erde lege, ein Kind erwarte oder eine Idee umsetzen möchte: Alles braucht Zeit, weil alles ein Prozess ist. Nun sind wir Prozessoptimierung gewohnt, wieder und wieder, indem wir strukturiert und effizient vorgehen, Meilensteine setzen, Synergien heben, … Es wird darüber nur oft zu vergessen, dass ein Prozess kein feststehender, kein mit absoluter Sicherheit eintretender Ablauf ist. Da ist nichts in Stein gemeißelt (und wenn wir es noch sehr wollen). Wir versuchen in Prozessbeschreibungen doch nur eine standardisierte Form zu erreichen, damit wir UNGEFÄHR wissen, was auf uns zukommt.

Die Folgen dieses Irrglaubens sehen wir allenthalben. Wenn ein Schwein in einer bestimmten Anzahl von Tagen eine bestimmte Anzahl von Kilos auf die Waage bringen muss, weil die nächsten Ferkel vor der Tür warten, dann ist da kein Platz für Abweichung. Das Wachstum und die Gesundheit des Schweins wird auf Teufel komm raus den Erfordernissen der Gewinnoptimierung unterworfen, Wachstumsprozess hin oder her. So wird aus dem statistischen Mittelwert, dem KANN ein MUSS. Wer mutig ist, KANN jetzt über unseren Umgang mit Kindern kurz nachdenken (das wäre dann ein Denkprozess), MUSS es aber nicht.

Veränderung braucht Zeit, Wachstum braucht Zeit. Die Welt ist ein Prozess, das Leben ist ein Prozess und das Sterben ebenfalls. Prozesse verlaufen mal schneller und mal langsamer, aber sie bleiben Prozesse, die immer auch ein Eigenleben und eine ganz eigene Dynamik haben. Gut so.

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