Charlie Hebdo oder das Recht auf Meinungsfreiheit

Anhand der Pariser Geschehnisse um Charlie Hebdo und der viel beschworenen Meinungsfreiheit zeigen sich leider genau die Probleme der Worte bzw. Konzepte mit -heit und -keit, auf die ich unlängst verwies. Jeder will seine sogenannte Freiheit verteidigen. Was aber, wenn die eigene Freiheit die eines anderen berührt?

Das Thema ist nicht neu. In vergangenen Jahrhunderten hatten gesellschaftlich höher gestellte Menschen für sich die Freiheit definiert, anderen Menschen die Freiheit zu nehmen. Es nannte sich Sklavenhandel : „Ideologische Grundlage war dabei immer der Versuch, die Überlegenheit einer Gruppe gegenüber einer anderen zu beweisen.“, so Wikipedia.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Was ist uns an diesen Karikaturen denn gerade so wichtig?

Die Meinungsfreiheit gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes erlaubt uns, Sätze nach Art des obigen Beitragsbilds in die Gegend zu plärren. Denn solange niemand „persönlich“ angegriffen wird, halten wir, also unsere Gesellschaft, das für richtig.

Ich teile diese Meinung nicht uneingeschränkt, auch Kommunikation an eine Allgemeinheit oder Gruppe sollte gewaltfrei sein. Auch allgemein formulierte Sätze (wie beispielsweise: Deutsche sind gefühlskalte Rassisten) können verletzen. Oder so dämliche Sätze wie oben auf dem Foto. „Das ist doch nur ein Spruch.“ könnte man entgegenhalten. Wenn das so ist, kann man ihn ja auch weglassen. Ist kein Verlust.

Was wir derzeit breitwürfig als Meinungsfreiheit titulieren, tendiert aus meiner Sicht zur gesellschaftlichen Verrohung. „Über andere lacht man nicht“, das lernen wir schon im Kindergarten. Jeder von uns hat auch sicher schon die Erfahrung gemacht, wie unangenehm es sich anfühlt, wenn andere sich über einen lustig machen. Aber nein, wir sind gerade stolz, unsere Erziehung über Bord zu werfen.

Ich erkenne noch keinen Gewinn für uns und unsere Gesellschaft, wenn wir unser Takt- und Feingefühl verlieren. Wir weigern uns mit geradezu kindischem Trotz anzuerkennen, dass wir mit Moslem-Karikaturen offensichtlich die religiösen Gefühle anderer Menschen verletzen. Wie abgestumpft sind wir schon gegenüber scheinheiligen Worten, nicht-wirklich-lustigen Bildern, als Komplimente verpackten Gemeinheiten aller Art. Das kann nicht gut sein, für niemanden.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht, immer und überall das Recht zu besitzen, die Schmerzgrenze eines anderen zu strapazieren oder gar zu ignorieren. Oder noch einmal bewusst nachzustochern. Das Recht auf Meinungsfreiheit bedeutet, andere Meinungen zu akzeptieren, zu relativieren, auch zu revidieren. Keine Gleichmacherei zu betreiben. Es gilt, eine Balance zu finden zwischen dem Bedürfnis, etwas klar zu benennen und zu kritisieren, und dem (aller Wahrscheinlichkeit nach zu erwartenden) Empfinden des Adressaten. Es gibt keine Patentrezepte für diesen Balanceakt, dafür braucht es Feingefühl.

Miteinander lachen zu können, das ist ein schönes Ziel. Vielleicht zur Abwechslung mal jeder über sich selbst.

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